
Promqueens mit Pokerface, Krankenschwestern voller Geheimnisse und Vorstadtidylle mit verdächtig dunklem Unterton: Mercedes Helnwein kehrt mit „Ground Zero“ nach Wien zurück. Ab 23. Oktober 2026 zeigt die Galerie Kovacek & Zetter neue Arbeiten der österreichisch-amerikanischen Künstlerin – und die sind so schön wie beunruhigend.
Willkommen im Helnwein-Universum
Ein Cadillac parkt am Straßenrand, künstliches Licht fällt auf einen menschenleeren Garten und irgendwo steht eine Cheerleaderin, deren Blick mehr Fragen aufwirft als ein Serienfinale mit offenem Ende. Willkommen in der Welt von Mercedes Helnwein.
Zwei Jahre nach ihrer viel beachteten Österreich-Premiere „Sometimes“ ist die Künstlerin wieder in Wien zu sehen. Ihre neue Ausstellung „Ground Zero“ führt in ein Amerika, das seltsam vertraut erscheint, aber nie ganz real wirkt. Nostalgie trifft auf leises Unbehagen, perfekte Oberflächen bekommen Risse und selbst harmlose Alltagssituationen scheinen kurz davor, aus dem Ruder zu laufen.
Nichts bleibt, wie es war
Der Begriff „Ground Zero“ ist historisch schwer beladen. Ursprünglich wurde er während des Manhattan-Projekts in den 1940er-Jahren für das Zentrum einer nuklearen Explosion verwendet. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 stand er für das Areal rund um das zerstörte World Trade Center.

Mercedes Helnwein löst ihn aus diesem Kontext und überträgt ihn auf einen persönlichen Wendepunkt: den Augenblick, in dem etwas unwiderruflich endet, während das Neue noch nicht begonnen hat. Ihre Charaktere befinden sich genau in diesem Dazwischen. Was geschehen ist, bleibt offen. Sicher scheint lediglich: Zurück in die alte Normalität geht es nicht mehr.
Storyline? Nebensache!
Helnwein liebt Geschichten – doch sobald sie sich einem visuellen Werk widmet, rückt die Handlung für sie in den Hintergrund. Viel spannender findet sie, wie Menschen auf eine Situation reagieren. Ob es dabei um eine große Katastrophe oder eine kleine Alltagspanne geht, spielt kaum eine Rolle. Entscheidend ist jener Sekundenbruchteil, in dem Haltung und Fassade kurz verrutschen.
„Als Künstlerin bin ich ein Eindringling“, sagt sie über ihren Zugang. Sie betrachtet sich als unsichtbare Beobachterin, die ihren Figuren so lange nah bleibt, bis diese etwas Wahrhaftiges über sich preisgeben. Ihr Fazit ist ebenso einfach wie charmant schonungslos: Menschen sind seltsam – und genau darin liegt ihre Schönheit. Beim Malen möchte Helnwein im Idealfall selbst nicht genau wissen, was in der jeweiligen Szene vor sich geht. Ort, Zeitpunkt und Vorgeschichte sind zweitrangig. Im Zentrum stehen Blicke, Gesten und emotionale Reaktionen. Die Werke liefern deshalb keine fertige Auflösung, sondern lediglich Hinweise. Den Rest übernimmt das Kopfkino.
Alles normal. Fast.
Große Dramen brauchen bei Helnwein keinen spektakulären Schauplatz. Sie interessiert sich für gewöhnliche Geschichten und für „die Poesie und die Seifenoper des normalen Lebens“. Das Banale fasziniert sie gerade deshalb, weil es schnell wie eine sorgfältig gebaute Kulisse wirkt. Zu viel Normalität? Fast schon verdächtig.

Vorstadtgärten, High-School-Sporthallen, Texaco-Tankstellen, Motel-Eisautomaten und makellos glänzende Autos werden zu Bühnen für ein Geschehen, das sich nicht eindeutig benennen lässt. Reduzierte Farbflächen und artifizielles Licht isolieren einzelne Momente, bis selbst die amerikanische Bilderbuchidylle den Charme eines Tatorts bekommt. In dieser leicht verschobenen Realität spürt die Künstlerin den Bruchlinien unter der Oberfläche nach. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Neugier, schwarzem Humor und einem ausgeprägten Sinn für alles, was nicht ins vermeintlich perfekte Bild passt.
American Dream mit dunklem Twist
Die inszenierte Erstarrung der Gemälde erinnert an Filmstills aus dem Film Noir der 1940er- und 1950er-Jahre. Hinzu kommen Einflüsse von Cindy Shermans „Untitled Film Stills“, den amerikanischen Realisten Edward Hopper und Andrew Wyeth sowie der Atmosphäre des frühen Blues.
Trotzdem spielen die Szenen nicht in einem bestimmten Jahrzehnt. Frisuren, Kleidung und Interieurs wählt Helnwein danach aus, was zur Komposition passt. Einen Großteil der Vorlagen fotografiert sie selbst in ihrem Studio, wo Models mit Kostümen und Requisiten aus ihrer Sammlung ausgestattet werden. Manchmal dienen auch alte Amateur- und Familienaufnahmen als Inspiration. Allzu zeitgenössische Details vermeidet sie bewusst. Sie würden die Darstellung auf ein konkretes Datum festlegen und damit schneller altern lassen. Stattdessen entsteht ein „paralleles Universum“ mit eigenem visuellen Filter – keine historische Analyse, sondern ein erfundenes Gestern, das verdächtig viel über die Gegenwart erzählt.
Kunstkritiker Peter Frank beschreibt die darin entworfenen Möglichkeiten als „eher unwahrscheinlich, unterschwellig unangenehm und gar nicht so vage bedrohlich“ – ein wenig wie „inverse Magrittes“.
Der Blick von außen
Mercedes Helnwein hat mehr Jahre in den USA gelebt als an jedem anderen Ort. Dennoch begegnete sie der dortigen Kultur stets mit dem Blick einer Europäerin. Ihre Kindheit, ihre Rituale und ihr Verständnis von Alltag wurden auf dieser Seite des Atlantiks geprägt.

Gerade die Außenseiterposition schärfte ihre Wahrnehmung für die Extreme des Landes. John Steinbeck und Delta Blues faszinieren sie ebenso wie Bankprospekte oder Piggly-Wiggly-Supermärkte. Hochkultur und kulturelle Wüste liegen in diesem Kosmos schließlich nur einen Parkplatz voneinander entfernt. Aus den gegensätzlichen Eindrücken entwickelte Helnwein eine eigene Version Amerikas, in der sie ihre literarischen und gemalten Charaktere ansiedelt. Diese Welt wirkt bekannt, folgt jedoch ausschließlich ihren Regeln.
Good Girls haben hier Pause
Ob Brautjungfer, Hexe oder Mitglied einer Mädchenbande: Die Frauen in Helnweins Arbeiten tragen ihre Outfits wie Uniformen. Ihre Gesichter bleiben maskenhaft, die Körperhaltung kontrolliert und die Gedanken unerreichbar.
Auch wenn Männer in vielen Darstellungen eine wichtige Rolle spielen, gehört die Bühne den weiblichen Protagonistinnen. Sie dürfen widersprüchlich, unberechenbar und moralisch schwer einzuordnen sein. Die Grenzen zwischen Heldin und Antiheldin verschwimmen – endlich einmal kein Zwang zum permanenten Sympathischsein. Um hinter ihre soziale Fassade zu gelangen, hält Helnwein jede Person gedanklich in einem einzigen Augenblick fest. Kein Ausweichen, kein Weitergehen, keine Chance für eine korrigierte Pose. Mit zunehmender Dauer scheint die kontrollierte Außenwirkung zu bröckeln und die isolierte Innenwelt im Gesicht auf.

Kunst mit Star-Appeal
Mercedes Helnwein zählt längst zu den international gefragten Künstlerinnen ihrer Generation. Ihre Werke befinden sich unter anderem in den Sammlungen von Wim Wenders, Nicolas Cage, Milla Jovovich, Courtney Love und Damien Hirst. Letzterer kaufte 2010 sämtliche Arbeiten ihrer Londoner Schau „Whistling Past the Graveyard“. Galerien von Berlin und London über Dublin bis Los Angeles, San Francisco und New York zeigen ihre Kunst. Auch im deutschsprachigen Raum wächst ihre institutionelle Präsenz: 2025 präsentierte das Museum Bensheim „Watching from a Safe Distance“, 2026 folgte „Mikrokosmen“ im Werner Berg Museum in Bleiburg.
Geboren wurde Helnwein 1979 in Wien als Tochter des Malers Gottfried Helnwein. Nach Stationen in Deutschland und im Süden Irlands pendelt sie seit 2000 zwischen Tipperary und Downtown Los Angeles, wo sie heute lebt und arbeitet. Neben der bildenden Kunst widmet sie sich auch dem Schreiben.

Was zur Hölle ist hier passiert?
„Ground Zero“ erzählt seine Geschichten nicht zu Ende. Die Ausstellung beginnt dort, wo Sicherheiten brüchig werden: nach dem Einschlag, vor der nächsten Entscheidung oder mitten in einer Veränderung, deren Ausgang noch offen ist.
Mercedes Helnweins Bilder verraten gerade genug, um die Fantasie anzukurbeln, verweigern aber jede bequeme Erklärung. Darin liegt ihre besondere Anziehungskraft. Erst wird nach versteckten Hinweisen gesucht, dann über mögliche Vorgeschichten spekuliert – und plötzlich läuft im Kopf längst ein ganzer Film.
Mercedes Helnwein – Ground Zero
23. Oktober bis 21. November 2026
Galerie Kovacek & Zetter – Plankengasse
Plankengasse 5, A-1010 Wien
Tel.: +43/1/423 0110
plankengasse@kovacek-zetter.at
www.kovacek-zetter.at
Der Eintritt ist frei.

