Ein historischer Doppelsieg, ein neuer Pixie Cut und ein Teppich, auf dem Risiko plötzlich interessanter war als Perfektion: Die 78. Primetime Emmy Awards erzählten von einem Fernsehen im Wandel. „Widow’s Bay“ brach Rekorde, Matthew Rhys gewann gleich zweimal – und Zendaya verwandelte eine Hommage an Halle Berry in den stärksten Fashion-Moment des Abends.
Hollywood, kurz nach Sonnenuntergang
Am 14. September versammelte sich die amerikanische Fernsehbranche im Peacock Theater in Los Angeles. Davor lag diesmal kein roter, sondern ein blauer Teppich – ein Detail, das beinahe programmatisch wirkte. Denn auch auf ihm schienen vertraute Regeln vorübergehend außer Kraft gesetzt.
Silber trat an die Stelle klassischer Schwarz-Weiß-Eleganz, Pistaziengrün und Gold verdrängten sichere Nude-Töne. Archivmode traf auf Haute Couture, perfekt geschnittene Anzüge auf bewusst verstörende Silhouetten. Es war kein makelloser Red Carpet, aber ein interessanter. Und vielleicht ist das inzwischen die wertvollere Währung.
Durch den Abend führte Mariska Hargitay, die erste alleinige Gastgeberin der Emmys seit 15 Jahren. Ihre Moderation verband Selbstironie mit jener souveränen Wärme, die sie in mehr als zwei Jahrzehnten als Olivia Benson kultiviert hat. Zwölf Kostümwechsel, mehrere Perücken und eine Hommage an ihre Mutter Jayne Mansfield machten Hargitay zugleich zur wandelbarsten Erscheinung der Nacht.
„Widow’s Bay“ und die Lust am Unheimlichen
Der eindeutige Triumph des Abends gehörte „Widow’s Bay“. Die Mischung aus Komödie und Horror, angesiedelt auf einer heimgesuchten Insel in Neuengland, gewann während der Hauptverleihung sechs Emmys. Gemeinsam mit den Creative Arts Awards kam die Serie auf 14 Auszeichnungen – mehr als jede andere Comedy innerhalb eines Emmy-Jahres.
Neben dem Preis als beste Comedyserie gingen die Trophäen für Drehbuch und Regie an Katie Dippold und Hiro Murai. Kate O’Flynn und Stephen Root wurden für ihre Nebenrollen ausgezeichnet. Root schrieb mit 74 Jahren als ältester Gewinner seiner Kategorie ebenfalls Emmy-Geschichte.
Der Erfolg der Serie steht exemplarisch für einen Fernsehjahrgang, der sich nicht mehr eindeutig einem Genre zuordnen lassen will. „Widow’s Bay“ ist lustig, bis es unheimlich wird – und unheimlich, bis die nächste Pointe fällt. Dass ausgerechnet diese Ambivalenz den größten Erfolg des Abends feierte, wirkte nur konsequent.

Matthew Rhys gewinnt zweimal – und schreibt Geschichte
Matthew Rhys gelang, was vor ihm noch keinem Schauspieler gelungen war: Er gewann zwei Hauptdarsteller-Emmys innerhalb eines Jahres. Ausgezeichnet wurde er als Comedy-Hauptdarsteller für „Widow’s Bay“ und als bester Darsteller einer Miniserie oder eines TV-Films für „The Beast in Me“. Damit hat Rhys nun in allen drei großen Hauptdarsteller-Sparten gewonnen. Bereits 2018 erhielt er den Drama-Emmy für „The Americans“.
Neben ihm saß Keri Russell, seine langjährige Partnerin und frühere „The Americans“-Kollegin, die für „The Diplomat“ nominiert war. Nach seinem Triumph erklärte Rhys, sie sei ohnehin „immer die eigentliche Gewinnerin“. Es war einer jener seltenen Award-Show-Momente, die charmant wirkten, weil sie nicht nach einem vorbereiteten Soundbite klangen.
„The Pitt“ bleibt das Drama der Stunde
Als beste Dramaserie setzte sich erneut „The Pitt“ durch. Die zweite Staffel der Krankenhausserie spielt während eines einzigen, drückend heißen Tages in der Notaufnahme von Pittsburgh. Ihr Sieg machte sie zur ersten Produktion seit „Mad Men“, die mit ihren ersten beiden Staffeln jeweils die wichtigste Drama-Auszeichnung gewann.
Noah Wyle erhielt erneut den Preis als bester Hauptdarsteller. Rhea Seehorn gewann für „Pluribus“ erstmals in der Kategorie beste Drama-Hauptdarstellerin, während Vince Gilligan für dieselbe Serie seinen ersten persönlichen Drehbuch-Emmy entgegennahm.
Allison Janney wurde für ihre Nebenrolle in „The Diplomat“ ausgezeichnet, Tom Pelphrey für „Task“. Mit ihrem mittlerweile achten Schauspiel-Emmy zog Janney mit Jean Smart, Cloris Leachman und Julia Louis-Dreyfus gleich.
Jean Smart wiederum gewann zum fünften Mal für „Hacks“. Keine andere Darstellerin hat bisher für jede Staffel einer Serie einen Emmy erhalten. Smarts Sieg fühlte sich deshalb weniger wie eine Überraschung als wie die erneute Bestätigung einer längst etablierten Größe an.
Sally Field und die Würde eines langen Weges
Einer der bewegendsten Preise ging an Sally Field. Für „Remarkably Bright Creatures“ wurde sie als beste Hauptdarstellerin einer Miniserie oder eines TV-Films ausgezeichnet. Kurz vor ihrem 80. Geburtstag ist sie die älteste Gewinnerin in der Geschichte dieser Kategorie.
„DTF St. Louis“ gewann als beste Miniserie, „The Traitors“ zum dritten Mal in Folge als beste Reality-Competition und „The Late Show with Stephen Colbert“ erneut als beste Variety-Serie.
Einen besonderen Platz im Programm erhielt Michael J. Fox. Für seinen jahrzehntelangen Einsatz zugunsten der Parkinson-Forschung wurde ihm der Bob Hope Humanitarian Award verliehen. Überreicht wurde die Auszeichnung von Julianna Margulies, seiner früheren Kollegin aus „The Good Wife“.
Zendaya und die Kunst der Referenz
Dann erschien Zendaya.
Ihre silberne Prada-Robe war mit Kristallen bestickt, körpernah geschnitten und mit einem Schmuckgürtel aus der Frühjahrskollektion 2010 akzentuiert. Doch erst der kurze Pixie Cut verwandelte den Look von einem makellosen Auftritt in einen echten Fashion-Moment.
Die Referenz führte zurück ins Jahr 2002, zu Halle Berry bei der Premiere von „Die Another Day“. Damals trug Berry eine ähnlich glitzernde Silhouette und jenen Haarschnitt, der zu einem der prägenden Beauty-Looks der frühen Nullerjahre wurde. Zendaya und ihr Stylist Law Roach übernahmen die Idee nicht wörtlich. Sie reduzierten, schärften und überführten sie in die Gegenwart.
Halle Berry reagierte begeistert auf die Hommage. Vogue erklärte Zendaya zur Leading Lady des Abends – eine wenig überraschende Wahl, aber eine verdiente.

Die Roben, die in Erinnerung bleiben
Nicole Kidman erschien in Chanel: weiße Federn, ein hoher Beinschlitz, eine Silhouette irgendwo zwischen klassischer Filmdiva und moderner Strenge. Der Look besaß jene kontrollierte Dramatik, die Kidmans beste Red-Carpet-Auftritte seit Jahren auszeichnet.
Elle Fanning trug eine pistazienfarbene Ralph-Lauren-Robe mit Perlen und Fransen. Das Kleid lebte von seiner Bewegung und wirkte neben Dakota Fannings kurzem schwarzen Carolina-Herrera-Modell noch eindrucksvoller. Die Schwestern entschieden sich gegen offensichtliches Matching und sahen gerade deshalb vollkommen aufeinander abgestimmt aus.
Selena Gomez wählte einen goldenen Louis-Vuitton-Look mit Showgirl-Appeal und löste sich damit vom Old-Hollywood-Glamour vergangener Auftritte. Louisa Jacobson überzeugte in einem dekonstruierten Smoking von Tom Ford, während Odessa A’Zion mit einem Jean-Paul-Gaultier-Ensemble von 1996 zeigte, dass Archivmode dann am besten funktioniert, wenn sie nicht wie eine historische Leihgabe behandelt wird
Lukita Maxwell gehörte in Louis Vuitton zu den stilleren Entdeckungen des Abends. Adam Brody bewies in einem dunkelblauen Prada-Zweireiher mit floralem Halstuch, wie wenig es braucht, um klassisches Menswear-Dressing interessant zu machen – und wie selten selbst dieses Wenige auf einem roten Teppich versucht wird.
Wenn ein modisches Risiko ungelöst bleibt
Nicht jeder ambitionierte Look fand zu einer überzeugenden Form. Shailene Woodleys Balenciaga-Haute-Couture-Ensemble aus voluminösem Oberteil, Rock, Hose und langen Handschuhen war zweifellos eines der Bilder des Abends. Die einzelnen Elemente besaßen Spannung, doch gemeinsam erzählten sie zu viele Geschichten auf einmal.
Cynthia Nixons skulpturale Issey-Miyake-Kreation setzte ganz auf Stoff und Volumen, verlor in der Frontalansicht jedoch die klare Silhouette. Claire Danes wählte eine silberne Armani-Privé-Robe, deren kühle Farbe und Konstruktion weniger mühelos wirkten als die weinrote Laufstegversion.
Florence Pugh erschien in Vivienne Westwood. Korsage, Schmuck und Ballkleidvolumen ergaben eine bewusst romantische Geste, die allerdings stärker nach den frühen Nullerjahren als nach 2026 aussah. Ob das nostalgisch oder überholt wirkte, blieb eine Frage der Perspektive.
Der radikalste Auftritt gehörte Meg Stalter. Vollständig golden bemalt, erschien sie als menschliche Emmy-Statue. Es war kein Kleid im klassischen Sinn, sondern Performance – und damit vermutlich die klügste Antwort auf einen Abend, an dem sich alle anderen um eine Trophäe bemühten.
Paare, Schwestern und Allianzen
Abseits der Mode erzählte der Teppich von Beziehungen, die in Hollywood ungewöhnlich dauerhaft wirken. Mariska Hargitay erschien mit ihrem Ehemann Peter Hermann, Niecy Nash-Betts mit Jessica Betts, Mark Ronson mit Grace Gummer sowie John Mulaney mit Olivia Munn.
Zendaya und Tom Holland vermieden den gemeinsamen Auftritt auf dem Teppich, wurden später jedoch hinter den Kulissen zusammen fotografiert. Matthew Rhys und Keri Russell brachten jene unaufgeregte Vertrautheit mit, die sich kaum für große Posen eignet, auf Bildern aber umso überzeugender wirkt.
Auch die Schwestern Dakota und Elle Fanning gehörten zu den schönsten Duos der Nacht. Nicht als klassisches Hollywood-Paar, sondern als modische Allianz zweier Frauen, deren Stil sich unterscheidet und gerade dadurch ergänzt.
Die Schattenseite der Erinnerung
Die Show feierte 30 Jahre „Buffy – Im Bann der Dämonen“ mit Sarah Michelle Gellar und David Boreanaz sowie das 50-jährige Jubiläum von „Charlie’s Angels“ mit Kate Jackson, Cheryl Ladd und Jaclyn Smith. Letztere trug ein Kleid erneut, das sie bereits Jahrzehnte zuvor ausgeführt hatte – ein stilles Statement für Mode mit persönlicher Geschichte.
Weniger harmonisch verlief das „In Memoriam“. Während Catherine O’Hara, Dolly Parton und Rob Reiner mit eigenen Momenten gewürdigt wurden, fehlten mehrere verstorbene Persönlichkeiten in der ausgestrahlten Fassung. Unter anderem wurden Chuck Norris und Nicholas Brendon nicht im TV-Segment gezeigt, obwohl sie in der erweiterten Online-Version der Television Academy aufgeführt waren. Die Auswahl löste Kritik aus und zeigte erneut, wie schwierig es ist, kollektive Erinnerung in ein zeitlich begrenztes Fernsehformat zu pressen.
Taylor Swift lieferte derweil den leichtesten Überraschungsmoment. In einem vorproduzierten „Law & Order: SVU“-Sketch spielte sie eine junge Polizistin; selbst ihre Katze erhielt einen Cameo-Auftritt. Innerhalb weniger Minuten wurden ihre kryptischen Sätze online analysiert – ein längst ritualisierter Nebeneffekt jedes Swift-Auftritts.
Eine Branche zwischen Wandel und Ritual
Die Quoten erzählten eine weniger glamouröse Geschichte. Rund 6,7 Millionen Menschen sahen die Übertragung, knapp zehn Prozent weniger als im Vorjahr. Der Montagstermin brachte die Emmys in direkte Konkurrenz zu „Monday Night Football“. Und doch wirkte die Verleihung kulturell präsenter, als diese Zahl vermuten lässt. Vielleicht, weil sie nicht allein von Siegern handelte, sondern von Bildern: Zendaya in Silber, Sally Field auf der Bühne, Matthew Rhys mit zwei Trophäen, Meg Stalter als dritte.
Die 78. Emmys erinnerten daran, dass eine Award-Show dann interessant wird, wenn sie sich nicht vollständig kontrollieren lässt. Ein gelungener Look, ein missverstandenes Kleid, eine ausgelassene Würdigung oder ein historischer Sieg – am Ende sind es die Brüche im perfekten Bild, die eine Nacht unvergesslich machen.


