Wien bekommt kulinarischen Zuwachs – und der schmeckt nach italienischem Aperitivo, mexikanischem Streetfood, sorgfältig gebrühtem Specialty Coffee und Kuchen wie bei der Oma. Sieben neue Adressen zeigen, welche Food-Trends die Stadt gerade besonders beschäftigen.
Wien serviert neue Lieblingsplätze
Stillstand passt einfach nicht zur Wiener Gastroszene. Kaum wurde ein neuer Lieblingsplatz entdeckt, öffnet zwei Gassen weiter bereits der nächste. Dabei geht es längst nicht nur um gutes Essen. Gefragt sind Lokale, die mehrere Bedürfnisse gleichzeitig erfüllen: morgens Kaffee, mittags Lunch, nachmittags Kuchen und später vielleicht noch einen Spritz. Ein kleines Wohnzimmergefühl dazu schadet ebenfalls nicht.
Piccolina Filmbar: Dolce Vita trifft Filmkunst
Espresso am Vormittag, Tramezzini zum Lunch und ein Aperitivo vor dem Kinobesuch: Die Piccolina Filmbar verbindet italienische Tagesbar-Kultur mit der cineastischen Atmosphäre des Österreichischen Filmmuseums. Gefüllte Cornetti, Focacce und klassische Drinks sorgen dafür, dass sich die Augustinerstraße für einen Moment verdächtig nach Mailand anfühlt.
Marmor, Terrazzo und der Blick Richtung Albertina liefern die passende Kulisse. Trotzdem wirkt das Konzept nicht wie ein aufwendig gebautes Italien-Klischee, sondern angenehm selbstverständlich. Geöffnet ist täglich von 10 Uhr bis Mitternacht – genug Zeit also für alles zwischen schnellem Caffè und langem Abend. Seit Juni 2026 ergänzt zudem ein großzügiger Schanigarten den öffentlich zugänglichen Treffpunkt.
Café Bloom: Gemeinsam, aber nicht übereinander
Eltern möchten in Ruhe frühstücken, Kinder lieber spielen und andere Gäste ihren Cappuccino möglichst ohne fliegende Bauklötze genießen. Das Café Bloom im Nordbahnviertel versucht, diese vermeintlichen Gegensätze räumlich zu versöhnen. Eigene Zonen für kleinere und größere Kinder treffen auf abgetrennte Bereiche für Erwachsene, Freundesgruppen und Menschen aus der Nachbarschaft.
Das Haus versteht sich ausdrücklich nicht als klassisches Kindercafé. Auf der Karte stehen Bagels, belegte Brote, hausgemachte Süßspeisen, Säfte und Kaffeespezialitäten. Später wechselt die Stimmung Richtung Aperitivo: Spritz, Wein, alkoholfreie Drinks und kleine Gerichte übernehmen den Nachmittag. Damit zeigt Bloom, wie zeitgemäße Generationen-Gastronomie aussehen kann – familienfreundlich, ohne den Rest der Welt an der Tür abzugeben.
Klein Gräfin Bistro: French Mood, Viennese Soul
Der Raimundhof gehört zu jenen Wiener Orten, die sich nur wenige Schritte vom Großstadttrubel entfernt plötzlich wie ein kleines Geheimnis anfühlen. Genau dort ergänzt das Klein Gräfin Bistro die bereits bestehenden Concept Stores um Kaffee, Crémant und feine Kleinigkeiten.
Das Motto „French Mood – Viennese Soul“ fasst die Atmosphäre treffend zusammen. Hausgemachte Mehlspeisen und kreative Frühstücksgerichte begegnen Specialty Coffee, saisonalen Speisen und französisch angehauchter Leichtigkeit. Kunst, Kultur und Begegnung gehören dabei ebenso zum Konzept wie das kulinarische Angebot. Der Platz eignet sich für eine kurze Pause beim Einkaufsbummel, besitzt aber erhebliches Verlängerungspotenzial. Ein Glas Crémant hat schließlich schon so manchen straffen Zeitplan charmant umgeschrieben.
Mels Place: Kuchen mit Familiengeschichte
In der Hirschengasse setzt Melanie Mayerl auf Rezepte ihrer Oma und Urgroßmutter – allerdings ohne Spitzenhäubchen und Museumsatmosphäre. Traditionelle Torten und Mehlspeisen werden hier ins Jahr 2026 geholt und mit Sauerteig-Sandwiches, Bagels sowie Croissants ergänzt.
Das Interieur soll sich eher nach gemütlichem Wohnzimmer als nach steifer Konditorei anfühlen. Gleichzeitig ist Mels Place als Community Space für Menschen gedacht, die nicht nur gerne Gebackenes essen, sondern selbst mit Teig, Creme und Glasur experimentieren. Backworkshops für Kinder sind ebenfalls geplant. So entsteht ein Generationen-Café der besonders nostalgischen Art: vertraute Aromen, zeitgemäße Präsentation und vermutlich jener Duft, der sämtliche guten Vorsätze bereits an der Eingangstür höflich verabschiedet.
Tacos Hermanos: Vom Pop-up zum festen Zuhause
Was am Naschmarkt als Pop-up Aufmerksamkeit erregte, hat nun eine dauerhafte Adresse. Tacos Hermanos serviert in der Kolingasse mexikanisches Streetfood, das sich bewusst von schwerem Tex-Mex-Einerlei entfernt. Hinter dem Konzept steht Laurenz Beldecchi, ein gebürtiger Chilene mit Erfahrung aus verschiedenen Taquerías in Mexiko. Viele Rezepte stammen aus der Familie seiner mexikanischen Frau.
Frisch zubereitete Tortillas bilden die Grundlage für Tacos mit Birria, Al Pastor und vegetarischen Füllungen. Quesadillas, Nachos und Cocktails ergänzen das Angebot. Das Lokal bleibt unkompliziert, setzt geschmacklich jedoch klare Akzente. Genau darin liegt der Reiz: kräftige Aromen, handliches Format und kaum eine Chance, beim Essen vollkommen elegant auszusehen. Gute Tacos verlangen schließlich Einsatz.
imBrot: Sandwiches nach dem Baukastenprinzip
Bei imBrot ist der Name kein leeres Versprechen. Drei eigens entwickelte Bio-Brotsorten aus einer oberösterreichischen Bäckerei bilden die Basis; Füllungen und Toppings lassen sich individuell zusammenstellen. Statt ein fertiges Sandwich aus der Vitrine zu nehmen, entsteht die gewünschte Kombination direkt vor Ort.
Hochwertige Zutaten und Bio-Kaffee machen aus dem schnellen Mittagessen mehr als eine pragmatische Schreibtischlösung. Gleichzeitig bleibt das Konzept angenehm alltagstauglich: Alles ist auch zum Mitnehmen erhältlich, geöffnet wird unter der Woche von 8 bis 18 Uhr. Der moderne Store setzt das Brot optisch wie kulinarisch in den Mittelpunkt und beweist, dass zwischen zwei Scheiben deutlich mehr Persönlichkeit passen kann als Käse, Schinken und ein müdes Salatblatt.
Four Beans Café: Kaffee ohne großes Theater
Specialty Coffee ist in Wien längst keine Randerscheinung mehr, erreicht nun aber immer mehr Grätzl außerhalb der inneren Bezirke. Four Beans bringt sorgfältig zubereitete Kaffeespezialitäten, hausgemachte Pastries und minimalistisches Design nach Penzing. Die Bohne steht im Mittelpunkt, das Ambiente hält sich stilvoll zurück.
Das Café richtet sich an Menschen, die ihren Kaffee ernst nehmen, dabei jedoch keine sensorische Doktorarbeit verteidigen möchten. Der neue Standort eignet sich für kurze Koffeinpausen ebenso wie für längere Gespräche. Genau diese Mischung aus Qualitätsbewusstsein und entspannter Atmosphäre macht moderne Coffeeshops erfolgreich: fachlich ambitioniert, menschlich angenehm unaufgeregt.
Vier Genuss-Trends, eine hungrige Stadt
So unterschiedlich die sieben Adressen wirken, folgen sie einer gemeinsamen Idee: Gastronomie soll heute mehr bieten als Speisen und Getränke. Die Piccolina Filmbar macht den Aperitivo zum kulturellen Tagesritual, Tacos Hermanos übersetzt Streetfood in ein dauerhaftes Restaurantkonzept und imBrot veredelt den schnellen Lunch. Four Beans wiederum trägt die Specialty-Coffee-Bewegung weiter in die Wohnviertel.
Café Bloom, Klein Gräfin Bistro und Mels Place stehen für eine neue Form des Zusammenseins. Sie verbinden Altersgruppen, Geschichten und Tageszeiten, ohne in eine starre gastronomische Schublade zu passen. Man kommt zum Frühstück, bleibt auf einen Kuchen und entdeckt beim Aufstehen, dass längst Aperitivo-Zeit ist. Ein Versehen, das Wien seinen Gästen derzeit ausgesprochen leicht macht.


