In der neuesten Ausgabe des Look!-Magazins eröffnet Uschi Pöttler-Fellner ihre Kolumne „Look into my Life“ mit einem Gedanken, der ganz bei dieser Saison angekommen ist.
Der Winter und ich – keine Liebesgeschichte
Der Winter ist die Jahreszeit, führt, dass sie nicht zu meinen Favoriten zählt. Auf einer Skala von eins bis fünf (fünf = sehr gut!) erhält der Winter eine wackelige eins, die häufig in Richtung null ausschlägt. Zum Beispiel, wenn es unter zehn Grad hat und nieselt, was ich als persönliche Zumutung empfinde.
Ich bin eigentlich ein Winterkind
Paradox ist, dass ich in einer rauen Winternacht, die noch dazu als kälteste des damaligen Jahrzehntes in die Geschichte einging, geboren wurde und zwar überraschend und daheim. Das an sich erfreuliche Ereignis löste bei allen Beteiligten eine gewisse Orientierungslosigkeit aus. Da wir damals noch kein Telefon hatten, lief mein Vater zur nächsten Polizeistelle, um die Rettung zu alarmieren. Da außer meiner Mutter und meinem vierjährigen Bruder zur tatsächlichen Geburtsminute niemand anwesend war, gibt es auch keine belegte Geburtszeit – es soll irgendwann um Mitternacht herum gewesen sein. Meine Mutter meinte, es war eher vor Mitternacht, mein Vater hingegen, es war ziemlich sicher schon danach. Was dazu führte, dass sich meine Eltern auch über den Tag meiner Geburt nie einig wurden.
Ich könnte, so gesehen, immer an zwei Tagen Geburtstag feiern, leider sind beide Geburtstage im Winter und deshalb bin ich froh, in dieser Jahreszeit nur einmal geboren zu sein.
Orientierungslos durch die kalte Jahreszeit
Bis heute bin ich in den Wintermonaten ein bisschen plan- und orientierungslos. Ich möchte, dass sie schnell vergehen. Damit sie schneller vergehen, treibe ich mich in der Freizeit auf verschneiten Pisten herum. Da meine Orientierung (nicht nur, aber vor allem im Winter) reichlich Luft nach oben lässt, und da die Pisten dieser Welt doch irgendwie gleich aussehen, orientiere ich mich immer am Nächstliegenden. Das ist die Anorakfarbe, die vor mir herfährt.
Angenommen mein Mann trägt auf der Piste Rot, suggeriert mir mein orientierungsloses Wintergehirn: „Du musst Rot folgen, egal was passiert.“ Ich folge also Rot. Rot schwingt sportlich die Hänge hinunter, rechts, links, geradeaus in den Ziehweg. Ziemlich rasant übrigens, ich habe Mühe, Rot zu folgen, ärgere mich über Rot, warum wartet Rot nicht auf mich, typisch Rot! Rot ist schon beim Sessellift angekommen, stapft zügig Richtung Sessel, das ist ja die Höhe, Rot wartet nicht auf mich, Rot kann was erleben! Ich hetze hinter Rot her, trample über die Ski der Wartenden, brülle: „Sorry, da vorne ist Rot!“ Man hat Mitleid mit der Irren und lässt mich sicherheitshalber vor.
Eine Verwechslung mit Folgen
So! Ich habe Rot, den ignoranten Rüpel, eingeholt, plumpse auf den Sessel, der Lift fährt an, ich drehe mich zu Rot und kreische: „Das ist ja wohl der Gipfelpunkt an Frechheit, nicht auf mich zu warten, spinnst du jetzt total?“ Rot starrt mich aus blauen Augen an. Seit wann hat Rot blaue Augen? Rot ist nicht Rot, also nicht das Rot, dem ich gefolgt bin.
Rot ist jung, vielleicht 14 oder 15, und zu Recht hat Rot offensichtlich davor Angst, dass die kreischende Frau, die er nicht kennt, zu allem fähig ist. „Sorry“, sage ich, „ich habe dich verwechselt, alles gut, ich tu dir nichts!“ Rot nickt und sagt kein Wort. Ich auch nicht. Weiß nicht, mit welchem Lift ich hier auf welchen Gipfel fahre, traue mich nicht, Rot beiläufig zu fragen: „Duhu, wo bin ich denn hier eigentlich?“ Es bleibt einem doch immer eine minimale Restwürde.
Ich rufe also etwas kleinlaut Rot an, Rot mit braunen Augen. „Wo bist du?“, brüllt Rot ins Telefon. Ja, wenn ich das nur wüsste. Bis zur Schneeschmelze im März werde ich es herausgefunden haben. Oder Rot holt mich hier vorher ab. Rot, ich folge!


