Ich bin ganz schön gelassen. Gelassen. Gelassen. Bin gelassen. Ommm. (Wieso wirkt das nicht?)

Meine Tochter hatte Geburtstag und wir plauderten ein bisschen über das Älterwerden. Das Kind bleibt ja immer Kind, auch wenn der 40. Geburtstag schelmisch aus der näheren Ferne winkt. Vierzig sei schon eher alt, merkte das Kind an, aber alternativlos.
„Und in deinem Alter“, fügte das Kind hinzu, „ist man dann wenigstens schon richtig gelassen. Ist das nicht fein?“
Ich fragte das Kind, wie es zu der Annahme kommt, dass man in meinem Alter gelassen sei. Na ja, sagte das Kind, das höre man immer wieder, dass insbesondere Frauen in meinem Alter beginnen, das Leben total zu genießen. Weil sie gelassener sind. Weil sie praktisch nichts mehr aus der Ruhe bringen kann.
Verstehe. Ich glaube, ich habe ein ernsthaftes Gelassenheitsproblem. Mich bringt offensichtlich sogar aus der Ruhe, dass mein Umfeld davon ausgeht, ich sei gelassen und hätte es dadurch fein. Um ehrlich zu sein, bin ich nicht gelassen, aber experimentierfreudiger. Ich führe Experimente durch, die mir früher nicht eingefallen wären. Beispiel Toilettenpapier. Interessanterweise gehen die durchaus liebenswerten BewohnerInnen unseres Haushalts davon aus, dass Toilettenpapier in Badezimmerschränken nachwächst.
Alle haben übrigens Maturareife. Wenn das Toilettenpapier in den diversen Toiletten (wir sind viele, daher haben wir fünf) zur Neige geht, wird in anderen Toiletten Nachschub geholt. Irgendwann wird das allgemeine Depot dann wieder – schwups – wie von Geisterhand aufgefüllt. Mein Experiment sieht jetzt folgendermaßen aus (Bitte anschnallen! Hier wird gleich an einbetonierten Verhaltensmustern gerüttelt). Ich stelle mich doof auf die Frage: „Haben wir noch irgendwo Küchenrollen oder Servietten? Weil anscheinend ist kein Toilettenpapier mehr im Haus …“
Man beachte die Begriffe „haben wir“ und „anscheinend“. Irre ich mich oder impliziert diese Wortwahl einen leisen Vorwurf?
„In der untersten Küchenlade sind die Küchenrollen, oben rechts die Servietten“, sage ich. Nichts sonst. Zurück bleibt Irritation, die sich beim Thema leere Zahnpastatube fortsetzt. Frage des beruflich durchaus selbstständig agierenden Mitbewohners: „Haben wir irgendwo eine Nagelschere? Weil die Zahnpasta ist aus.“
Ich übergebe die Nagelschere, die dort gelegen ist, wo sie immer liegt, und beobachte, wie der geliebte Hausgenosse die leere, bereits aufgerollte Tube aufschneidet und mit seiner Bürste kärgliche Reste Zahnpasta hervorkratzt. Begleitet von der satten Feststellung: „Wir brauchen dringend Zahnpasta. Besorge ich heute!“ „Fein“, sage ich, „und bitte nimm auch Toilettenpapier mit, zwei bis drei Großpackungen. Und Küchenrollen und Servietten auch gleich.“ Das habe ich mit Gelassenheit gelöst, ich bin mit mir zufrieden. Meine Tochter hat recht. Das Leben ist gut, wenn man nur die nötige Gelassenheit entwickelt.
Am Abend kehrt der Mann mit zwei Einkaufstüten eines Feinkostladens zurück, der dafür bekannt ist, über dreißig Olivenöl-Sorten im Sortiment zu führen. Vier davon werden stolz auf der Küchentheke platziert. Dazu noch allerlei Schnickschnack. „Ich hab uns Nachschub besorgt“, sagt der Mann. „In unserem Haushalt war ja nichts mehr vorhanden, was man braucht.“
„Fein!“, sage ich. „Dann ist jetzt wieder alles da!“ Ich bleibe gelassen. Keiner außer mir weiß, wo sich mein kleines Zahnpasta- und Toilettenpapier-Depot befindet, und ich werde den Teufel tun, es zu verraten.
Und im Übrigen: Ommm.


