Jeden Morgen, fünf Minuten nach sieben, erlebe ich die erste Enttäuschung des Tages.

jeder hat ein finsteres Geheimnis, heißt es. Meines ist stockfinster: Vor Flugreisen, insbesondere vor Langstreckenflügen, putze ich hingebungsvoll unser Besteck, obwohl es sinnvollere Aufgaben im Haushalt (und auch sonst) zu erledigen gäbe. Die Vorstellung, dass ich im Fall des sprichwörtlichen Falles sechsunddreißig trübe Löffel, Gabeln und Messer hinterlasse, macht mich unrund. Doch mit der satten Gewissheit, meinen Erben blitzblank poliertes Besteck zu hinterlassen, besteige ich in aufgeräumter Stimmung jedes Flugzeug. 

Ich kann nur hoffen, niemals abzustürzen. Das Hauptproblem wäre dann nämlich meine Strumpflade. Da diese sich im ersten Stock des Hauses befindet – während die Küche mit Bestecklade im Erdgeschoss liegt –, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man den chaotischen Inhalt meiner Strumpflade erst NACH dem blankgeputzten Besteck entdeckt. 

Können Sie meiner Logik folgen? Mein Mann merkt mitunter an, meiner Logik nicht folgen zu wollen, dabei ist diese völlig logisch: Wer immer die Bestecklade zuerst inspiziert, wird mich als vorbildlich in Erinnerung behalten. Und denken, die Strumpflade da oben gehört nicht zu mir. Blöd natürlich, wenn jemand zuerst die Strumpflade aufzieht und sich dann zum Besteck hinunter arbeitet. Dann denken die glatt, DIESES Besteck kann nicht zu DER gehört haben.

DAS GRUNDPROBLEM IST, WIE SIE sicher merken, in erster Linie dezente Flugangst, in zweiter Linie die Strumpflade. Sie ist so ziemlich das Letzte in der Reihenfolge der zu erledigenden wichtigen Dinge. Und doch. Jeden Morgen ziehe ich sie auf, um zu meinem Tag passendes Strumpfwerk hervorzukramen. Schwarz, blickdicht. Nude, transparent. Netz, fein, grob oder Fischgrät. Oder Söckchen. Oder richtige Socken, Der Vielfalt im Wirkwarenbereich sind ja kaum Grenzen gesetzt.

Als medien- und überhaupt sehr interessierter Mensch sollte ich statt an meine Strumpflade lieber an die Krisenherde dieser Welt denken. Allerdings verblassen die großen Fragen der Menschheit jeden Tag um fünf nach sieben angesichts des Grauens, das mir aus dieser Lade entgegenhöhnt.

DREISSIG KNÄUEL SCHWARZ, BLICKDICHT, AUF EINEM WÜSTEN HAUFEN. Dazwischen Dutzende Sockenpaare, die beim Auseinanderziehen perfekt passen, würde mein rechter Fuß Größe 35 und der linke Größe 43 haben. Gern auch umgekehrt. 

Beherzt greife ich täglich in die Wirkwarenmasse, wurschtle blickdicht und transparent hervor und erlebe die erste Enttäuschung des Tages: Querfäden. Strümpfe mit Querfäden sind zu schäbig, um sie anzuziehen, aber immer noch gut für „unter der Hose“. Ich sammle Strumpfhosen mit Querfäden für „unter der Hose“, dabei ziehe ich unter der Hose niemals welche an, außer es hat minus 50 Grad. 

WEGWERFEN GEHT NICHT, WEGEN DER UMWELT. Verschenken ginge, aber welcher unfassbare Schnorrer schenkt Strumpfhosen mit Querfäden her?Ich überlege gerade, ob ich einen schweren Depscher habe und meinen Kindern statt Hab und Gut 300 Strumpfhosen mit Querfäden vererben will? 

Die Lösung fürs Erste: Ich werde einen Zettel an die Lade kleben: „Keine Ahnung, wo das Zeug da drinnen herkommt, MIR gehört es nicht!“ Und dann kann ich beruhigt ins Flugzeug steigen.   

Herzlich,

Beitragsbilder: © iStock